LAMBERT ist wieder da. Oder war er vielleicht nie wirklich fort.
Möglicherweise war er auch nie so greifbar, wie wir glaubten. Denn wer wollte ernsthaft behaupten, sicher zu wissen, wer sich hinter der sardischen Stiermaske verbirgt? Zurück also ist LAMBERT – so viel steht fest. Und mit ihm erscheint ein neues Album. Sein Titel: „I AM NOT LAMBERT“.
Allein dieser Widerspruch taugt als Programm. Denn das Album ist beides zugleich: zutiefst vertraut und radikal neu. Es führt die Handschrift eines Künstlers fort, der seit über zehn Jahren als Pianist, Komponist und Produzent gefeiert wird, mutmaßlich in Berlin lebt – und doch stets ein Rätsel bleibt. Gleichzeitig markiert „I AM NOT LAMBERT“ einen Wendepunkt: Zum ersten Mal stehen Songs mit Gesang im Mittelpunkt.
„Meine Musik war immer songorientiert“, sagt Lambert. „Es fühlte sich einfach richtig an, das auch offen zu zeigen. Ich höre selbst viele Songs – vielleicht ist das der ehrlichste Weg.“
Diese Ehrlichkeit eröffnet das Album gleich zu Beginn. Spirit entfaltet sich leise und klar, bis eine verfremdete Vocoder-Stimme einsetzt. Es bleibt nicht bei dieser einen Stimme. Kat Frankie verleiht „So Unkind“ eine fragile Sanftheit, Dekker macht „The Sum“ mit seinem warmen Soul-Timbre zu einer subtilen Verbeugung vor Prince. Und Rob Goodwin (The Slow Show) hinterlässt mit seiner rauen, gelebten Stimme in „Hurts Like You“ Spuren, die unweigerlich an Lambchop erinnern.
Fest steht: Keiner von ihnen ist Lambert. Genauso wenig wie die langjährige Bandbesetzung – Daniel Schaub (Gitarre, Bass, Drums), Marie‑Claire Schlameus (Cello) und Ralph Heidel (Saxophon, Klarinette, Flöte). Und doch formen sie gemeinsam den Klang dieses Albums. Besonders Heidel setzt mit feinen Bläserfarben Akzente in „All At Once“ und „The Garage“, während Schlameus’ Cello in „Parthenope“ eine zentrale Rolle spielt. Das Stück ist inspiriert von Paolo Sorrentinos gleichnamigem Film, sein Klaviermotiv pulsiert präzise und melancholisch wie ein Uhrwerk.

Lambert selbst verlässt stellenweise sein gewohntes Instrument und greift zum Schlagzeug – unter anderem in „We’ll Be Safe Here“, „The Sum“, „The Garage“ und „The Chase“. Letzteres beginnt, als würden sich John Carpenter und Debussy in einer dunklen Gasse begegnen, nur um dann elegant auszuweichen.
„I AM NOT LAMBERT„, verkündet das Cover. Die Musik antwortet: „Ich bin viele.“
So finden sich auf dem Album Spuren der frühen 2000er neben Einflüssen von Bright Eyes, Fiona Apple oder Jon Brion, ebenso wie deutliche Hinweise auf Lamberts tiefe Verwurzelung im Jazz – eine Leidenschaft, die lange vor seinem Projekt LAMBERT begann und heute auch in seinem Podcast mit Felix Weigt nachhallt. „We’ll Be Safe Here“ schwebt auf einem federnden Rhodes, „Gingerly“ verbindet kammermusikalische Nähe mit einer Pianistik, die Oscar Peterson respektvoll nicken lassen würde. In „You Don’t Like Me“ steuert „Kenny Warren“ eine träumerische Trompete bei, während „It Will Happen Either Way“ so zerbrechlich wirkt, als bestünde es aus feinstem Porzellan.
https://www.youtube.com/watch?v=M3GROrtpMJ8%C2%A0
Seit inzwischen neun Alben spielt Lambert mit dem Thema Identität. Ursprünglich entstand die Maske aus dem Wunsch, die eigene Vergangenheit abzulegen. „Ich wollte, dass niemand etwas über mich weiß“, sagte er einst über sein Debüt von 2014. Doch die Maske entwickelte ein Eigenleben – wurde Symbol, Projektionsfläche, Einladung. Dass er schließlich als „The Man in the Mask“ wahrgenommen wurde, nahm er mit ironischer Gelassenheit.
Diese Haltung durchzieht auch seine Aussagen: „Ich brauche keinen Schutz. Meine Musik ist gut. Sie muss nicht wichtig aussehen, um gut zu sein.“ Vielleicht liegt genau darin seine besondere Form von Authentizität: Lambert nimmt sie so ernst, dass er sie immer wieder unterwandert.
Als er begann, die Maske bei einzelnen Auftritten abzulegen, wurde klar: Die Faszination lag nie allein im Verborgenen. Niemand kaufte Tickets „wegen“ der Maske – und doch veränderte ihre Abwesenheit etwas. Die Nähe wurde direkter, die Verbindung persönlicher. Und trotzdem blieb er: LAMBERT.
Am Ende führte all das zu einer simplen Erkenntnis. Es geht nicht um Masken oder Enthüllungen. Es geht ums Spielen, ums Schreiben, ums Finden von Pop an unerwarteten Orten.
Lambert ist zurück. Auf dem Albumcover nimmt er seine Maske ab. Was darunter erscheint, ist weder der „wahre“ Lambert noch dessen Negation. „I AM NOT LAMBERT“ ist beides zugleich: eine ehrliche Unwahrheit – und das bislang vielseitigste Werk dieses Künstlers.














































